Alles steht Kopf: Zu lang, zu kitschig, zu schnell

Wie sieht es eigentlich im Kopf eines Menschen aus? Freude weiß es, denn sie steckt gemeinsam mit Kummer, Wut, Angst und Ekel im Kopf der elfjährigen Riley. Bisher verlief das Leben des Mädchens ganz normal, aber ausgerechnet als Riley und ihre Familie von Minnesota nach San Francisco umziehen, geht in der Kommandozentrale einiges schief. Freude landet genau dann, wenn Riley sie am meisten bräuchte, gemeinsam mit Kummer weit weg im Langzeitgedächntnis und muss nun so schnell es geht die Kernerinnerungen des Mädchens zurück in die Zentrale bringen, damit im Kopf der Kleinen wieder der Normalzustand einkehren kann. Aber währenddessen sind Wut, Angst und Ekel allein am Ruder. Ob das gut gehen kann? Wohl kaum…
Puuuuh, es ist eine ganze Weile her, dass ich, die ich eigentlich Kinder- und Animationsfilme liebe, so wenig Spaß an einem davon hatte wie zuletzt bei „Alles steht Kopf“ (Original: „Inside out“), den ich vor ein paar Tagen im Kino meines Vertrauens in einer Sneak Preview (Start: 1. Oktober 2015) gesehen habe. Ich war schon beim Plot skeptisch (z.B. Kann ich mich als Zuschauerin mit überzeichneten Gefühlen als Protagonisten identifizieren?) und auch wenn der Film ein paar kleinere Lichtblicke und Gags hat, ist diese Skepsis zunächst geblieben und hat sich dann in gelangweilte Enttäuschung verwandelt.
Ich hatte mir einen süßen, liebenswerten Kinderfilm erhofft, der einem das Herz erwärmt und gesehen habe ich dann kitschüberladene 94 Minuten, die mir auf so vielen Ebenen gegen den Strich gegangen sind.

Da ist zum einen die Länge des Films, der einfach auf einer reinen Ebene des Storytellings keinen geraden Spannungsbogen hinbekommt, sondern wieder und wieder ähnliche Episoden erzählt. Klar, die Zielgruppe sind Kinder, aber die Kleinsten davon, denen so ein zyklisches Erzählen gefallen könnte, weil die sich in so einem jungen Alter noch nicht so lange am Stück komplett auf eine Geschichte konzentrieren können, verfehlt der Film sowieso komplett, aber dazu gleich noch etwas. Diese fehlende Stringenz langweilt und macht Passagenweise die gesamte Angelegenheit zu langen Kaugummifäden, die einfach kein Ende nehmen wollen.
Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Handlungsepisoden an sich: Vieles ist nicht ernsthaft kreativ oder liebevoll gestaltet, sondern nur eine Ansammlung von Klischees (in Rileys Fantasieland gibt es z.B. natürlich ein Prinzessinenschloss mit Glitzer, ihr fiktiver Freund aus Kindertagen besteht zu einem großen Teil aus Zuckerwatte, ist Pink und zum Teil Delfin usw.), die wirken wie der Versuch von Erwachsenen, sich jetzt einmal zu überlegen, was „den Kindern“ im Allgemeinen denn gefällt. Immer und immer wieder habe ich darauf gehofft, dass dieser Kitsch gekonnt mit einem netten Witz aufgelöst werden würde, aber dazu ist es nie gekommen. Dabei gibt es tatsächlich ein paar ganz nette Gags, nur leider viel zu selten an den richtigen Stellen.

Aber das für mich nervigste war im Grunde die Protagonistin des gesamten Films: Freude.
Freude macht nämlich ihrem Namen alle Ehre, purzelt in bester Happy-Einhorn-Glitzer-Flowerpower-Manier durch Rileys Kopf und ist mir damit komplett auf den Keks gegangen. Denn auch wenn es ein paar schwache Ansätze gibt, die Botschaft zu vermitteln, dass erst die Mischung aller Gefühle das Wahre ist, bleibt (zumindest meiner Wahrnehmung nach) der Grundtenor des Films, dass nur Freude das einzige Gefühl ist, das wirklich akzeptabel ist.
Aus einer rein logischen Perspektive heraus, dass Freude ein angenehmeres Gefühl als z.B. Angst ist, stimmt das auch natürlich. Das Problem, das ich damit nur habe ist das, dass die verschiedenen Personifikationen der Gefühle natürlich auch für verschiedene Typen von Menschen stehen und so für mich durch den gesamten Film hindurch ein einziges Bild, dass ein Mensch nur dann „toll“ ist, wenn er dauerhaft happy oder wenigstens immer ein bisschen fröhlich ist. So wird auch Kummer, die aufgrund ihres traurigen Gemüts die Außenseiterin der Gefühle ist, erst dann wirklich akzeptiert und geschätzt, als Freude entdeckt, dass auch traurige Erinnerungen zu Freude führen können. Bis zuletzt wird Kummer nicht dafür akzeptiert, dass sie ist, wie sie ist, sondern dafür, dass sie glatt in Freudes eigenes Weltbild passt. Das hat sie für mich als eine Protagonistin nicht nur nervig ignorant gemacht, sondern ist auch für auf der bereits erwähnten Storytellingebene grausam. Figuren sollten sich für eine interessante Story entwickeln – Freude tut das aber kaum.
Das mag jetzt für andere eine Überbewertung eines Kinderfilms sein, aber für eine wirklich süße Story hat mir diese Akzeptanzbotschaft komplett gefehlt.

Und damit sind wir schon am letzten Punkt, der mir an „Alles steht Kopf“ Bauchweh bereitet: Der Streifen ist ein Familienfilm, aber kein Kinderfilm.
Schnelle, aufregende Szenen, zu große Dramatik (ein paar Mal wird es für Freude wirklich brenzlig) und eine Geschichte, die es in sich hat. Denn (Achtung, Spoiler! Zum Anzeigen auf den geschwärzten Bereich klicken!): Riley läuft an einem Punkt des Films von zu Hause weg. Eine Elfjährige verlässt ihre Eltern und auch wenn es am Ende gut ausgeht, haben wir da doch eine Rettung in allerletzter Sekunde. Ältere Kinder und Erwachsene mögen das wissen, dass bei diesen Erzählstrukturen immer ein Happy End kommt, aber um die geht es mir bei einem Film nicht.
Allein als ich im Kino saß, habe ich mitbekommen, wie ein Kind weiter vorne mehrmal begonnen hat, zu weinen und seine Mutter immer und immer wieder ängstlich gefragt hat, ob es denn wirklich gut ausginge. (Ich weiß nicht genau, welches Kind das war bzw. wie alt es war, aber in diesem Saal saßen zu einem großen Teil Familien mit Kindern im älteren Kindergarten- bis Grundschulalter, was bei einem Film ab null auch nichts Besonderes ist.) Und ich wette, dass dieses Kind dabei nicht allein war bzw. noch sein wird. (Oder anders formuliert: Mit meiner Cousine (3), die laut der Altersfreigabe den Film gucken dürfte und im Moment total in der Phase steckt, in der sie „Susi und Strolch“ und „Bernard und Bianca“ liebt, würde ich „Alles steht Kopf“ nicht im Traum gucken.)

Insgesamt ist „Alles steht Kopf“ für mich nicht der grandiose Pixar-Film als den ihn vorher die Kritiken schon gelobt haben, (z.B. im Telegraph oder im Guardian) sondern einfach ein mittelmäßiger Animationsfilm mit ein paar Lichtblicken, die aber angesichts der überladenen Gesamtstory nicht mehr viel retten können. Ein Film, den man ein Mal guckt und der auch dieses eine Mal ganz unterhaltsam sein kann, den ich aber auch schon z.B. auf DVD wirklich nicht bräuchte und der auch (Jedenfalls was mich angeht) in der Versenkung verschwinden wird.

Wie auch immer: Wenn ihr trotz dieses Posts noch immer nicht abgeschreckt seid, könnt ihr euch hier noch einmal den Trailer ansehen.

Über uns Geekgeflüster

Ich bin Aurelia und blogge seit 2012 über Gaming, Bücher, Filme, Serien und mehr. Kurz: Das hier ist mein Geekgeflüster.

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