Agatha Christie, ihre Figuren und das Problem mit „Mord im Orient-Express“ (2017)

Ustinov Branagh Suchet als Poirot
Die neuste Verfilmung von Agatha Christies wohl besten Roman, „Mord im Orient-Express“, durch Kenneth Branagh beweist, dass es offenbar doch noch schwierig ist, das eine zu transportieren, das sämtliche von Christies Romanen auszeichnet und wovon die Geschichten leben: Die Figuren.

Agatha Christie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen überhaupt gewesen. Ihre Romane sollen sich angeblich weltweit über zwei Milliarden Mal verkauft haben, sowohl ihre Geschichten über die schrullige Dorfermittlerin Miss Marple als auch die über ihren genialen Meisterdetektiv Hercule Poirot sind mehrfach sehr gut verfilmt worden und im Laufe der Jahre hat sich zu ihrem vielleicht besten Roman, „Mord im Orient-Express“, der ursprünglich in den 1930ern das erste Mal erschien, sogar eine Videospiel-Adaption gesellt. Ihre Geschichten sind noch immer beliebt und das nicht zuletzt durch Verfilmungen wie die mit Peter Ustinov als Hercule Poirot aus den 70ern oder mit Margaret Rutherford als Miss Marple in den 60ern.

Gerade bei Fans diesem Erbe heute noch etwas entgegen zu setzen, ist ohne Frage schwer, aber theoretisch nicht unmöglich. Denn auch wenn nicht alles an Christies Romanen gut gealtert ist, haben die besten ihrer Geschichten durchaus etwas Zeitloses, das bis heute noch funktioniert. Selbst wenn es nur auf einer Ebene von nostalgischem Charme ist. Deshalb war ich eigentlich neugierig auf die hochkarätig besetzte Neuverfilmung eines meiner liebsten Christie-Romane, „Mord im Orient-Express“. Allein Judi Dench als Fürstin Dragomiroff – Das klang unglaublich vielversprechend. Und obwohl die einzelnen Komponenten durchweg eigentlich ganz gut waren, funktionierte der Film nicht mehr. Es fehlte der Charme, das bisschen, das sowohl Agatha Christies Romane als auch die guten Verfilmungen derselben auszeichnet.

Das unbestimmte Gefühl, dass etwas an den Figuren fehlt

Denn als ich „Mord im Orient-Express“ (2017) das erste Mal gesehen habe, hatte ich danach das unbestimmte Gefühl, gerade keinen wirklich schlechten, aber auch keinen wirklich guten Film gesehen zu haben. Er hat dabei nicht nur einfach ab und zu seine Stärken, sondern erzählt sogar manches dem Medium und unserer Zeit entsprechend besser als es im Roman angelegt war. Mir gefällt auch nach dem zweiten Sehen des Films zum Beispiel die Idee sehr gut, die kurze Reise Poirots nach Istanbul, von wo der Orient-Express aus fahren soll, vom Zug aufs Schiff zu verlegen und so ein bisschen Abwechslung in die Kulisse zu bringen, vor der Poirot bereits auf Mary Debenham und Colonel bzw. Doktor Arbuthnot trifft. Selbiges gilt für die Idee, aus dem ziemlich langweiligen Bahndirektor Bouc einen chaotischen Lebemann zu machen. Genauso wie für einige andere große und kleine Änderungen im Vergleich zum Roman, die die Adaption wahrscheinlich vor einiges an Starrheit bewahrt haben. Gleichzeitig hatte ich trotzdem das Gefühl, dass etwas Entscheidendes fehlte: Die Figuren.

Denn Agatha Christies Figuren waren zwar noch nie besonders realistisch oder komplex, aber immer klar konturiert. Gerade aus moderner Sicht wirken ihre Romane oft nicht mehr halb so raffiniert wie sie es vielleicht zu ihrem Erscheinen getan haben mögen, Dinge wie Miss Marple und ihr kleines Dorf, aus dem sie immer großmütterlich Geschichten zu erzählen weiß, wirken heutzutage schlicht sehr schnell sehr altbacken und überholt. Genauso wie der versnobte Poirot, der schon immer an der Grenze zur Lächerlichkeit war, heute keine großartig geniale Wirkung mehr haben dürfte. Genauso wie die Verbrechen, die sie aufklären, nach dem Einzug von besonders blutigen Realismustendenzen in das gesamte Thriller- und Krimi-Genre einiges an Besonderheit und spektakulären Reiz verloren haben. Und wenn man selbst als Fan ehrlich ist, dann leben Agatha Christies Romane heutzutage in erster Linie nur noch von einer ähnlichen Nostalgie wie die originalen Sherlock Holmes-Romane. Sie spielen mit ein paar Ideen vom frühen 20. Jahrhundert, streuen ein paar Adelige und exotische Orte ein und das alles dreht sich dann um ein Verbrechen mit mehr oder weniger offensichtlicher Lösung.

Im Grunde ist das auch egal, denn ähnlich wie bei den Lokalkrimis wie denen Rita Falks über den Kommissar Eberhofer ist das Verbrechen längst nicht mehr das Interessanteste an Christies Romanen, sondern die Figuren und ihre großen und kleinen Geschichten. Sogar noch mehr: Agatha Christies Krimis haben und leben noch immer entscheidend davon, dass sich darin eigentlich doch mehr Typen als Figuren versammeln. Oft überzeichnet, fast schablonenhaft und etwas überdreht, aber genau deshalb eindeutig konturiert und unterhaltsam. Der greise Luther Ackenthorpe in „16:50 ab Paddington“ ist schon so überdreht ein Ekel, dass man als Leser schon darauf wartet, dass ihn jemand aus der Familie endlich umbringt. Die schrullige Miss Marple trippelt so gemächlich mit Strickzeug und Tee in den Händen durch ihre Fälle, dass es schon merkwürdig wirkt, dass sie überhaupt jemals ein Verbrechen vor der Polizei aufklärt. Und Hercule Poirot ist sowieso zwar ein Genie, das seine Fälle als ultimative Rätsel für seine „kleinen grauen Zellen“ begreift, gleichzeitig aber auch absurd eitel und selbstverliebt, was jede Überhöhung für einen Leser dann doch wieder aufhebt. Damit sind diese Figuren sehr weit weg von selbst einem eher unspektakulären „Tatort“, ähneln dafür aber sehr viel mehr mit ihren Geschichten einem Vorabendkrimi mit lokaler Note wie „Hubert und Staller“, die ähnlich gemütlich, aber eben auch ähnlich herzlich personenbezogen zu erzählen versuchen.

Agatha Christies Figuren sind keine komplexen Menschen, sondern Charaktere

Diese Prinzip zieht sich durch sämtliche Romane Agatha Christies. Ihre Figuren sind keine komplexen Menschen, sondern Charaktere. Das ist sowohl ihre größte Schwäche als auch ihre größte Stärke. Alle besseren Verfilmungen ihrer Romane – wie zum Beispiel die Miss Marple-Filme mit Margaret Rutherford oder die Poirot-Adaptionen mit Peter Ustinov – haben genau das aufgegriffen. Die an historischen Stätten wirr etwas über Sex durch die Gegend schreiende Angela Landsbury als schrullige Autorin von Erotikromanen in „Tod auf dem Nil“ ist überdreht, funktioniert aber als Kuriosum in einer sonst weitgehend dahin plätschernden Geschichte sehr gut. Selbiges gilt für die großartige Maggie Smith, die im selben Film als bissige Dienerin einer alten Gräfin sich ständig mit ihrer Herrin streitet. Oder die schon lächerlich rachsüchtige Jackie (Mia Farrow), die zwar wie eine Furie ihren Ex-Verlobten und seine neue Frau um die halbe Welt – sogar bis auf eine Pyramide – verfolgt, das aber gleichzeitig niemanden wirklich zu stören scheint.

Nimmt man diese etwas überdrehte Komponente aus den Romanen und ihren Adaptionen weg, dann bleibt nicht mehr viel übrig, weil häufig Agatha Christies Geschichten aus moderner Sicht mehr von einer Krimi-Komödie als einem Thriller haben. Und genau das ist es, woran auch der neue „Mord im Orient-Express“-Film trotz aller guter Ideen krankt. Es ist kein Zufall, dass Poirot sich in der Romanvorlage erstaunlich lange mit Caroline Hubbard aufhält, einer sehr lauten und sehr gesprächigen Amerikanerin, die ausführlich jedem, der es hören will oder auch nicht, von ihrer Familie erzählt. Die Figur ist nicht einmal besonders verdächtig, gerade im Vergleich zu vielen der anderen Mitreisenden, allerdings ist sie genau eines dieser schrulligen Elemente, die viele Agatha Christie-Romane ausmachen. Im Film ist diese Rolle ganz gestrichen und unter demselben Namen durch eine Art femme fatale ersetzt worden, die noch dazu in einer sehr merkwürdig wirkenden Szene aus unerfindlichen Gründen mit Samuel Ratchett, dem späteren Mordopfer, flirtet.

Spoiler zur Auflösung des Mords
Das beraubt die Verfilmung nicht nur des Kuriosums Mrs Hubbard, sondern auch eines guten Stücks der Wirkung der Auflösung des Mords, als sie sich als die berühmte Schauspielerin Linda Arden entpuppt. Im Roman ist der Kontrast zwischen der schrulligen Hausfrau und des eleganten Filmstars noch einmal größer. Zumal die Möglichkeit, dass sie in den Mord verwickelt sein könnte, eben aufgrund dieser überdrehten Persona im Buch beim ersten Lesen sehr viel unwahrscheinlicher erscheint, was die Wirkung der gesamten Auflösung noch einmal besser in Szene setzt.

Ein Poirot, der keiner ist

Ein anderes schönes Beispiel ist Hercule Poirot selbst: Abgesehen davon, dass es ohnehin schwer ist, nach David Suchet oder – sehr viel wichtiger – Peter Ustinov überhaupt eine passende Interpretation der Figur hinzulegen, kann man hier sehr schön beobachten, wie eine Christie-Figur in dem Moment charakterlich vollkommen blass wird, in dem man die Überzeichnung weg nimmt. Poirot, der in den Büchern zwar ein Genie, aber auch eitel, gerne mal etwas kleinkariert und versnobt ist, wird zu einem fast großväterlichen Typ, der mit dem Buch-Poirot außer einer Liebe für gutes Essen nur noch wenig gemein hat. War der Buch-Poirot immer nur an einem schwierigen Rätsel interessiert, denkt der Film-Poirot hier moralisch. Er glaubt an die Wahrheit aus scheinbar idealistischen Gründen und nicht, weil er eine Herausforderung darin sucht, sie heraus zu finden. Das kann man natürlich als Adaption der Figur so umsetzen, allerdings muss man dann zwangsweise viele der Schrulligkeiten des Meisterdetektivs streichen, um diese moralisch geprägte Figur halbwegs glaubwürdig zu machen. Das geschieht auch – das kurioseste am Film-Poirot ist schon, dass er kichernd Dickens liest – allerdings fehlt damit auch ein zentrales Element, das selbst in eigentlich eher ernst angelegten den Poirot-Filmen mit Peter Ustinov erstaunlich viel Raum einnimmt.

Dieses Fehlen der etwas überzeichneten Elementen der Figuren macht sich durch den gesamten Film bemerkbar, weil dadurch auch an allen Ecken und Enden narratives Füllmaterial fehlt. Das ist schade, zeigt aber ironischer Weise gleichzeitig auch, wie schwer es ist, Agatha Christie-Romane für ein modernes Publikum zu verfilmen. Anders als Sherlock Holmes, der quasi nur leicht verrücktes Genie war, sind Christies Figuren und Ermittler eben mehr als das, was die Übertragung dessen, was die Figuren ausmacht, deutlich schwieriger macht. Sie sind schrullig, merkwürdig und immer wieder erstaunlich schräg. Das funktioniert nach den Regeln von scheinbar realistisch wirken wollenden Krimis oder Historienfilmen heute nicht mehr, aber gleichzeitig gibt im Grunde die eigentliche Handlung auch zu wenig her, um wenigstens einen Teil der schablonenhaften Überzeichnung der Figuren zu streichen.

Dabei könnten geschickt angegangene Verfilmungen der Romane erstaunlich erfrischend sein. „Mord im Orient-Express“ stellt zum Beispiel die Gruppe der Reisenden etwas diverser auf als es im Roman angelegt war und hat bei der Gelegenheit den ohnehin herzlich langweiligen Colonel Arbuthnot durch den als Figur deutlich besser entwickelten Doktor Arbuthnot ersetzt. Überhaupt steckt in Christies Romanen entsprechend ihrer Zeit vieles, das heute kritisch als sexistisch oder rassistisch zu bewerten wäre und das man mit einer geschickten Adaption zeitgemäßer umsetzen könnte.

Nur das eine, zentrale Element der überzeichneten Figuren, die viel von dem Flair der Geschichten ausmachen, das sollte dabei eben gerade nicht auf der Strecke bleiben.

2 Kommentare

  1. Hallo,

    im Grunde sind für mich auch Sendungen wie die „Rosenheim-Cops“ oder die Ostfriesenkrimis von Klaus-Peter Wolff die Nachfolger von Agatha Christie. 🙂

    Den Buch-Poirot fand ich immer sehr unsympathisch, habe seine Fälle aber dennoch gerne gelesen.

    Ich habe diesen hochinteressanten Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

    • Ich mochte Poirot tatsächlich immer, fand ihn aber auch nicht zwingend sympathisch. Es gibt ein paar Romane, in denen er auch ganz besonders fies z.B. zu Hastings ist, da ist er ganz sicher niemand, mit dem ich gern Zeit verbringen würde, aber die Figur fand ich immer unterhaltsam zu lesen bzw. spannend. 🙂
      Und danke für die Verlinkung!
      Liebe Grüße,
      Aurelia

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