Weltenschmerz, Seelenpein und Feenstaub – Vom Brooding Hero und dem Gentle Girl

Der Figurentyp des „Brooding Hero“ hat einen schlechten Ruf. Und wenn man an Parodien wie wie Carrie DiRisios Broody McHottiepants oder Figuren wie Edward Cullen und Anakin Skywalker denkt, die auch ohne Parodie absurde Züge annehmen, dann ist das auch verständlich. Und trotzdem: Auch ein Broody ist nicht automatisch schlecht.

Edward Cullen trifft Lord Byron

Ein „Brooding Hero“, also ein „brütender Held“, beschreibt normalerweise einen Helden oder Anti-Helden, der sich durch einen besonders düster gehaltenen, inneren Konflikt z.B. aufgrund einer mysteriösen, aber düsteren Vergangenheit auszeichnet. Meistens wollen sie, wenn man es auf eine sehr abstrakte Ebene herunter bricht, eigentlich nur ganz banal glücklich sein, werden aber durch einen scheinbar unüberwindbaren Kampf mit sich selbst oder ihrer Vergangenheit daran gehindert, worüber sie wiederum vor sich hin brüten. Wenn ihre Eigenschaft als Broody Teil der Geschichte ist, drehen sich ihre Handlungsstränge dann häufig darum, dass dazu zum Beispiel sich abkapseln, weil sie das für das Beste für sich und die Welt halten, aber tatsächlich die Zuneigung der Menschen brauchen, die es gut mit ihnen meinen, und es braucht normalerweise erst einen Impuls von außen, damit sie ihre Eigenschaft als Broody überwinden können.

Und so einfach es auch ist, Broodies einfach als albernen oder kitschbeladenen Young Adult-Trend im Stil von Edward Cullen abzutun: Dieser Figurentyp ist nicht nur deutlich weiter verbreitet als nur in Jugendbüchern oder Liebesgeschichten, sondern eigentlich fast schon omnipräsent. Das Problem mit Broodies ist nur, dass sie schlecht geschrieben sehr schnell so absurd wirken, dass man oft gar nicht anders kann als vollkommen irritiert den Kopf zu schütteln. Tatsächlich sind brütende Helden eine alte Entwicklung, die man z.B. schon in der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts als Byronsche Helden finden kann, und noch dazu eine, die interessant gemacht durchaus sehr unterhaltsam sein kann.

Was eine Figur will, ist nicht, was sie braucht

Einer der Gründe sowohl für den Unterhaltungswert als auch die Absurdität von Broodies ist, dass bei ihnen häufig das, was eine Figur will, und das, was sie wirklich braucht, unterschiedliche Fragen sind. Denn allgemein gesprochen können diese Dinge bei einer Figur identisch sein, müssen es aber nicht. Im ersten „Dishonored“-Spiel will der Protagonist Corvo seine Tochter retten und seine Ehre wiederherstellen, was gleichzeitig auch die eine Sache ist, die er wirklich braucht, um sein Happy End zu bekommen. Die Handlung hat keinen Twist, an dem ihm oder dem Spieler klar wird, dass er eigentlich etwas ganz anderes braucht als er will, beides bleibt ein und dasselbe. In der „Avatar“-Serie will Zuko, der im Übrigen auch tatsächlich ein Broody ist, genauso seine Ehre wiederherstellen und dafür den Avatar fangen, aber was er eigentlich braucht, ist ein gewisses Maß an Selbstliebe und die Erkenntnis, dass er für sein persönliches Happy End und Seelenheil nicht die Anerkennung einer grausamen, lieblosen Familie braucht, sondern mit sich selbst im Reinen sein muss. Und obendrein ist Zuko schon fast der letzte innerhalb der gesamten Serie, der genau das begreift, nachdem diese Lösung von seinem Onkel schon von Anfang an angesprochen und damit auch den Zuschauern getrennt von dem, was er will, präsentiert wird.

Konflikte, in denen diese beiden Dinge einander vielleicht sogar vollkommen entgegen laufen, sind normalerweise Innere, die mit der Psyche der entsprechenden Figur zu tun haben. Sei es, weil sie tatsächlich mit einer psychischen Krankheit kämpft oder weil sie sich einfach nur mit ihren eigenen Moralvorstellungen im Weg steht. Dieser Kampf mit sich selbst oder der eigenen Vergangenheit kann ein sehr simples Instrument sein, um eine Verbindung zwischen Figur und Rezipienten herzustellen. Fehler machen wir alle, genauso wie unsere Gefühle nicht immer rational begründbar sind. Kämpfe, die ein Broody kämpft und die unseren eigenen vielleicht auf abstrakter Ebene gar nicht so unähnlich sind, können so unter Umständen sehr einfach ein paar emotionale Knöpfe drücken und so zu einer mitreißenden Geschichte beitragen.

Motivation ist alles

Zukos Handlungsstrang geht deshalb so gut auf und wird von vielen Fans der Serie nach wie vor als einer der besten Redemption Arcs, also Erlösungsgeschichten, überhaupt angesehen, weil sein Konflikt trotz des Fantasy-Settings eigentlich sehr unkompliziert ist. Zuko ist ein im Grunde unsicherer Teenager, der früh seine Mutter verloren hat, weshalb er auf seinen Vater als verbliebenes Elternteil fixiert ist und verzweifelt um dessen Anerkennung kämpft. So sehr, dass er sich in seine Idee, den Avatar zu fangen, vollkommen verrannt hat, ohne es zu merken. Alles Eigenschaften, die man als Zuschauer normalerweise ganz gut nachvollziehen kann, während gleichzeitig auch sehr früh klar ist, was Zuko tatsächlich braucht. Dadurch wiederum kann man auch sehr früh darauf hoffen, dass die von außen recht offensichtliche Lösung seines inneren Konflikts und damit seiner Broodiness eintrifft.

Ein paar der absurdesten Beispiele für Brooding Heroes scheitern schlicht genau an diesem Ineinandergreifen aus verständlichen Motivationen und einer schwierigen, aber von außen klaren Lösung. Anakin Skywalker, der so zum Beispiel in Episode II und III der „Star Wars“-Filme ebenfalls eindeutig ein Brooding Hero ist, funktioniert in dem Moment nicht mehr, in dem seine Motivationen nicht nur unverständlich, sondern auch noch unsympathisch werden. Er bekommt zwar mit seiner Vergangenheit, dem Tod seiner Mutter und der Frage nach seinem Platz in der Welt durchaus einiges an inneren Konflikten, das, womit sich aber sein Handlungsstrang in Bewegung setzt, ist … ja, was eigentlich? Das bockige Verhalten eines Teenagers? Seine Brüterei bekommt plötzlich eine andere Drehung und Motivation und verspielt genau dadurch jedes Identifikationspotential. Im Gegensatz dazu funktioniert Loki in den „Thor“- und „Avengers“-Filmen wieder genau deswegen so gut: Er brütet zwar genauso wie Anakin und außerdem auch über gar nicht so unähnliche Konflikte, aber diese Konflikte sind es auch, die seinen Plot vorantreiben und ihm starke und nachvollziehbare Motivationen für seine Taten geben. Dazu kommt, dass das, was diese Figuren jeweils brauchen, um ihre Broodiness zu überwinden, in Lokis Fall eindeutig nicht zu erreichen ist, weshalb sein Ziel und seine Rolle als Bösewicht genügen und ihn sogar zu einer der tragischeren Figuren in seinem Universum machen, während auch hier bei Anakin eine offensichtliche Lösung auf dem Tisch liegt, von der aber nie überzeugend klar wird, warum sie nicht ausreicht.

Omnia vincit amor: Erlösung durch Liebe und Feenstaub

Denn im Gegensatz zu Loki tritt in Anakins Geschichte auch das auf, was man als Gegenstück zum Brooding Hero bezeichnen könnte: Ein verständnisvoller Love Interest, der durch seine bloße Existenz und ein schier unendliches Verständnis die Brüterei des Broodies neutralisiert. TV Tropes führt dieses Erzählmuster als „Brooding Boy, Gentle Girl“, was zwar nicht ganz korrekt ist, weil es wie z.B. mit Meg und Hercules in Disney’s „Hercules“ durchaus Fälle gibt, in denen diese Geschlechterrollen nicht mehr stimmen, aber der Name fasst dieses Klischee trotzdem ganz gut zusammen, auch weil dieser Trope in seiner ursprünglichen Form viel mit gängigen Vorstellungen von Gender zu tun hat. Ein düsterer, launischer Einzelgänger wird von einer fürsorglichen, liebevollen Frau gerettet, die seine Probleme für ihn aufarbeitet und am Ende besiegt Liebe eben alles.

Gerade im Young oder New Adult-Bereich ist dieses Klischee sogar regelmäßig sehr kritisch zu sehen, weil da die entsprechenden Broodies oft auch dem Typ des „Bad Boys“ entsprechen sollen und damit gerne auch mal häusliche Gewalt oder sexuelle Belästigung unter der Prämisse einer Liebesgeschichte verharmlost werden, aber theoretisch kann auch dieses Erzählmuster einen Handlungsstrang hergeben, das zwar vielleicht etwas kitschig, aber harmlos ist. Der an dieser Stelle entscheidende Punkt ist, dass wir es normalerweise gewöhnt sind, dass aus so einer Konstellation heraus eine scheinbar alles besiegende Liebesgeschichte gesponnen wird, und damit diese Liebesgeschichte automatisch – unabhängig von jedem Realismus – erst einmal eine potentielle Lösung für die Brüterei eines Broodies darstellt.

Anakin bekommt mit Padmé eine Liebesgeschichte nach diesem Bauplan an die Hand, aber genauso wie seine Motivationen als Brooding Hero als sehr schwach und lächerlich gezeichnet werden, tritt auch die potentielle Lösung nie richtig in Kraft, ohne dass klar wird, warum eigentlich. Theoretisch ist das im Grunde auch der entscheidende Kniff an der Figur, dass an diesem Punkt mit dem Klischee des „Brooding Boy“ und „Gentle Girl“ gebrochen wird, aber in Kombination mit den fehlenden Motivationen kann dieser Klischeebruch nie richtig zur Geltung kommen. Und was bleibt? Ein zickiger Teenager, der in einem einzigen Trotzanfall zum Bösewicht einer ganzen Galaxie wird?

Dabei kann gerade diese Art der versuchten Erlösung eines Brooding Hero über eine Liebesgeschichte nicht so unterirdisch laufen. Fenris und Anders, zwei der Love Interests aus „Dragon Age 2“, sind beide Broodies wie aus dem Bilderbuch. Fenris kämpft mit seiner Vergangenheit als Sklave und Anders damit, dass er als abtrünniger Magier immer auf der Flucht ist und obendrein auch noch einem Dämon Unterschlupf gewährt. Beide brüten sie darüber schier ohne Ende und dementsprechend kitschig sind auch die Liebesgeschichten, die die Spielerfigur Hawke mit ihnen eingehen kann, aber am Ende gehen beide Handlungsstränge selbst im Scheitern auf, weil ihre Motivationen klar und potentielle Lösungen, d.h. Spielerentscheidungen, eindeutig ausgeschlossen werden. Ähnliches lässt sich übrigens auch an der oben schon angesprochenen „Brooding Girl, Gentle Boy“-Beziehung in „Hercules“ durchspielen: Meg brütet vor sich hin, weil sie von der Welt und ihrem Ex-Freund enttäuscht und verletzt wurde, verliebt sich aber dann trotzdem in den vollkommen naiven und im Grunde herzensguten Hercules, kann aber trotzdem aufgrund ihres Paktes mit Hades ihren Konflikt noch nicht überwinden, was der Geschichte gar keine andere Wahl lässt als dieses Problem zuerst zu lösen, um dann Megs Broodiness aufzulösen.

Auch ein Brooding Hero ist nicht automatisch schlecht

Worauf ich damit – ähnlich wie bei meinem Text über Mary Sues – hinaus will, ist das: Es ist vielleicht einfach, einen Brooding Hero als albern, kitschig oder unnötig abzutun, aber tatsächlich ist auch dieser Trope nur halb so schlecht wie sein Ruf. Auch der Brooding Hero ist nur ein Heldentyp von vielen, der mit den richtigen Motivationen, Zielen und Sehnsüchten interessante Figuren ergeben kann. Ich würde mir zwar wünschen, dass die Lösung seines Konflikts über eine Liebesgeschichte nicht so häufig zum Einsatz käme, weil das Spannungsbögen rund um seinen inneren Kampf einiges an Kraft nehmen kann, wie Zuko als Gegenbeispiel eindrucksvoll beweist, aber auch dieses Muster ist schlicht das: Ein ganz normales Muster, der nicht automatisch schlecht ist, sondern nur schlecht gemacht sein kann.

Artikelbild: „typewriter“ von „Ak~i“ (https://www.flickr.com/photos/aki-photo/) (CC BY 2.0)

3 Kommentare

  1. Pingback: Durchgeklickt: März 2018 - Frankly, my dear...

  2. Interessanter Beitrag! Ich habe das bisher auch eher als schlechtes Klischee gesehen, aber du hast völlig recht: wenn man das Motiv gut umsetzt, kann das durchaus spannend sein. Leider fallen einem die Negativbeispiele ja immer mehr auf als die positiven. Bzw hört man die Lästerein der anderen darüber 😀

  3. Vielen Dank für diesen interessanten Blick auf den Brooding Hero 🙂 Irgendwo war mir zwar klar, was ihn ausmacht, aber du hast das noch mal sehr schön zusammengefasst und aus verschiedenen Winkeln beleuchtet. Ich mag das sehr gerne, so wird man sich selbst beim Schreiben und Lesen mancher Klischees bewusst. Wie du auch schreibst, finde ich so ein Klischee als Ausgang nicht schlimm, es muss eben in der Geschichte stimmig sein und die Figuren dürfen nicht zu flach bleiben, ihre Handlungen und Motive sollten nachvollziehbar sein. Danke für den schönen Artikel 🙂

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