„Stark“ ist nicht genug: Das Problem mit „starken“ Frauenfiguren

Frau mit Schwert Starke Frauenfiguren
Gerade erst ist der Weltfrauentag wieder einmal vorbei gerauscht und meine Filterblase war randvoll mit passenden Themenposts. Von Folgeempfehlungen von klug twitternden Frauen über Buchtipps von und über Frauen bis zu Listen der liebsten Autorinnen, Instagramerinnen oder weiblichen Figuren – manche Ideen waren besser, manche schlechter, aber kaum eine nerdige Nische hatte kein Beispiel für irgendeine passende Aktion.

Überall schien es um eins zu gehen: Frauenpower, starke Frauen, coole Frauen, Badass Frauen oder was einem eben als kraftvolles Synonym dafür so einfallen konnte. Und jenseits dessen, dass man natürlich auch fragen kann, ob es eine jährliche Versammlung der Worthülsen braucht, nach deren Ende die halbe Öffentlichkeit ihren punktuell entdeckten Feminismus wieder vergisst: Das Schlagwort der „starken Frauenfiguren“ war zumindest in meiner Nische kaum zu umgehen. Dabei sollten wir diesen Begriff eigentlich besser hinter uns lassen.

„Stark“ bedeutet „gut“?

Wenn von „starken Figuren“ die Rede ist, dann meint das oft etwas anderes als das, was gesagt wird: Eine starke Figur, die ist nicht nur körperlich oder seelisch stark, sondern in diesem Label schwingt auch meistens eine Art Gütesiegel mit, das suggeriert, dass diese Figur damit qualitativ hochwertig sei, oft verbunden mit einer gewissen Sympathie genau für diese Figur.

Ziehen wir doch einmal ein gehyptes Young Adult-Beispiel heran, einfach aus dem Grund, dass diese Art Bücher oft eine so begeisterungsfähige Leserschaft hat, dass sehr schnell deutlich wird, was ich meine. Wirft man einen Blick in die Rezensionen zum ersten Band der „Throne of Glass“-Reihe von Sarah J. Maas auf Lovelybooks, fällt das Schlagwort von „Stärke“ als Synonym für „toll“ immer und immer wieder. Die Userin „julias_wonderland“ hebt z.B. ganz bewusst die Protagonistin Celaena als positiven Aspekt des Buchs hervor und schreibt:

„Celaena ist eine unfassbar starke, ungewöhnliche Heldin. Mit acht Jahren verlor sie ihre Eltern, wurde vom König der Assassinen aufgegriffen und zur besten und gefürchtetsten Assassinin weit und breit ausgebildet. Sie ist arrogant, schlagfertig und hat definitiv ein ziemlich loses Mundwerk. Trotzdem sie so speziell ist, war sie mir schnell sympathisch. Es war wirklich angenehm, es mal mit einer so ausgeprägte Heldin zu tun zu haben, und während man in anderen Büchern oft Angst hat, dass der Protagonistin etwas nicht gelingt, hat man bei Celaena eher Sorge, dass sie sich maßlos überschätzt.“

Sie lobt ähnliche Dinge wie andere auch: Celaena Sardothien, die Heldin des Romans, ist für sie eine starke Heldin, weil sie erstens als brutale Attentäterin eine legendäre Kämpferin ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Außerdem ist ihr Celaena genau deshalb sympathisch, sie bewundert sie, offenbar für ihre körperliche Stärke und ihre Unabhängigkeit. Das sind – gerade im häufig männerdominierten Fantasy – Qualitäten, deren Reiz wahrscheinlich für die meisten Menschen leicht nachvollziehbar sein dürfte.

Sympathie durch Stärke

Celaena ist eine wenigstens teilweise starke Figur, aber nicht zwingend eine interessante oder gut geschriebene. Maas‘ Romane sind unterhaltsam und die Autorin weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, um ihrer Zielgruppe ganze Buchreihen vorzusetzen, die geliebt und gehypt werden, aber dafür oder vielleicht auch deswegen nimmt sie gleichzeitig unlogisches Verhalten, manchmal sehr simple Konflikte bis hin zu sehr problematischen Tropes und Szenen in Kauf, schlicht weil sie unterhalten können – vorausgesetzt ein Leser lässt sich auf all das als eine Form von Genrekonvention ein. Und der einfachste Weg, um in einem Genre wie Young Adult Begeisterung beim Leser zu wecken, ist der Einsatz einer Protagonistin, mit der sich ein Großteil der Leserschaft vielleicht nicht zwingend identifizieren, aber auf jeden Fall bewundern kann.

Celaena erfüllt diese Eigenschaft. Genauso wie viele andere wichtige Young Adult-Heldinnen aus diversen phantastischen Subgenres. Bella Swan in „Twilight“ war eine etwas aufpolierte und „fehlerfreie“ Version des Mauerblümchens und Bücherwurms von nebenan, Katniss Everdeen in „Die Tribute von Panem“ eine Art unfreiwillig kämpfende große Schwester, Juliette in der „Shatter me“-Reihe die ultimative Siegerin über persönliche Ängste und Unsicherheiten. Das alles macht diese Heldinnen für ihre Zielgruppe schlicht sympathisch und sorgt sehr einfach für eine emotionale Bindung.

Und bevor jetzt irgendwer meint, das als typisches Phänomen scheinbar kindisch-kitschiger Jugendbücher abtun zu wollen: Dieser Kniff ist auch außerhalb von Young Adult beliebt und ein vollkommen gängiges und legitimes Instrument. Luke Skywalker funktioniert als Figur so gut, weil er als moralische Vorbild-Projektionsfläche dienen kann. Frodo Beutlin funktioniert als unwahrscheinlicher Held, der einfach nur das Richtige tun möchte, aus denselben Gründen so gut. Genauso wie Tyrion Lannister als kluger, aber ewig unterschätzter Außenseiter. Oder Wonder Woman als unabhängige und praktisch unbesiegbare Amazonenkriegerin. Auf diese Art und Weise wird Sympathie beim Rezipienten erzeugt, was uns wiederum dazu bringt, bei den Abenteuern dieser Helden mit zu fiebern. Das ist nichts Neues oder besonders kreativ, aber es funktioniert. Und: Es sagt noch nichts darüber aus, ob eine Figur jetzt qualitativ gut oder schlecht ist.

Nehmen wir doch einmal ein Beispiel: Ich mag witzige Figuren. Figuren, die immer einen blöden Spruch oder eine freche Erwiderung auf den Lippen haben. Figuren, die planlos in eine Geschichte stolpern und bei denen man nicht weiß, ob man sie jetzt in den Arm nehmen oder an der nächsten Ecke aussetzen will. Figuren, die als Comic Relief ein wenig den Pathos aus einer Geschichte ziehen. Ich identifiziere mich mit ihnen, ich finde sie sympathisch, einfach weil sie lustig sind. Das bedeutet nicht, dass jede dieser Figuren gut geschrieben wäre, auch wenn sie für mich immer einen großen Unterhaltungswert haben. Dass zum Beispiel in „Dragon Age: Inquisition“ Varric den ewig ernsten Kommandanten der Inquisition, Cullen, immer „Curly“ oder im Deutschen „Löckchen“ nennt, ist eigentlich auf schriftstellerischer Ebene ein unglaublich lahmer Zug, genügt aber um mich persönlich zu unterhalten und Varric auf der Stelle unglaublich sympathisch zu finden.

Nein, „stark“ oder „sympathisch“ bedeuten nicht automatisch „gut“

Was hat das jetzt alles mit „starken (weiblichen) Figuren“ zu tun? Worauf ich gerade hinaus will, ist das: Wir sprechen gerne von „stark“ und „schwach“, wenn wir eigentlich „sympathisch“, „bewundernswert“ oder schlicht „gut“ im Sinne von „gut geschrieben“ oder „interessant“ meinen, obwohl das komplett unterschiedliche Kategorien sind. „Stark“ und „schwach“ als Maßstab sind unglaublich subjektiv und persönlich, was nicht schlimm, aber viel zu einfach für allgemeine Diskussionen über Character Development und Figuren ist.

Cersei Lannister ist in „Game of Thrones“ vielleicht keine wirklich sympathische Figur, aber eine Intelligente und Dank ihrer Skrupellosigkeit scheinbar unaufhaltsame Figur. Sie ist nicht besser oder schlechter als die leichter sympathisch wirkende Arya oder die Ritterin Brienne. Sie hat alles, was eine vernünftig entwickelte Figur braucht: Eine in sich geschlossene Logik, eine gute Motivation und klare Ziele. Änliches gilt für Sansa Stark: Sie ist über lange Zeit eine Figur im Nachteil, die einfach nur überleben will und die deshalb immer wieder als unter Fans gehasst und damit als „schlechte Figur“ angesehen wurde. Das Problem an ihr ist, dass sie lange sehr passiv ist, was einem Zuschauer wenig Grund gibt, mit ihr mit zu fiebern. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie nicht komplex wäre oder interessante Elemente oder Plotpunkte hätte. Sansa ist eines der seltenen Fantasy-Beispiele, bei denen wirklich erzählt wird, wie viel Angst es ihr, die sie kaum mehr als ein Kind ist, allein die Vorstellung macht, einen zwar halbwegs gleichaltrigen, aber grausamen Prinzen zu heiraten. Das Szenario wird über lange Zeit als absoluter Horror aufgebaut und ab diesem Zeitpunkt auch nie romantisiert. Sansa ist keine qualitativ schlechte Figur mit einem uninteressanten Handlungsstrang, sie ist nur passiv und in einer schwachen Position.

Der „stark bedeutet gut“-Maßstab mag historisch darin begründet sein, dass es mal revolutionär und ein Zeichen für komplexere Figurenentwicklung war, dass eine Frau kämpfte, genügt aber heute nicht mehr. Sansa und Cersei sind für mich sehr einfache, aber wirkungsvolle Beispiele dafür, warum wir die Frage, ob eine Figur nun interessant ist oder nicht, nicht an „stark“ oder „schwach“ messen sollten, zumal es auch dabei zum Teil ganz unterschiedliche Konzepte geben kann. Nur weil mir eine Figur nicht sympathisch ist, bedeutet das noch nicht, dass ich sie nicht interessant oder unterhaltsam finden kann. Oder dass sie komplex ist, den Plot auf interessante Weise voran bringt oder für einen coolen Twist verantwortlich ist. Und wenn wir schon über Stärkekonzepte bei Frauenfiguren reden: Nicht jede Frauenfigur muss kämpfen, um faszinieren zu können. Denn – Überraschung! – manchmal sind es dann doch die Celaena Sardothiens dieser Welt, die tatsächlich die sexistischsten und faulsten Plots überhaupt bekommen. Und nur weil Sansa jetzt brutal Leute umbringen lässt, ist sie nicht plötzlich eine „bessere“ Figur als vorher.

Artikelbild via pixabay

7 Kommentare

  1. Hey!
    Ein sehr interessanter Artikel, danke dafür.
    Ich erwische mich dabei, Protagonistinnen als „stark“ zu bezeichnen, differenziere die Charaktereigenschaft aber noch, was ich recht wichtig finde, denn stark sagt oft gar nicht so viel aus.
    Beispiel: Mia aus Nevernight. Sie ist stark, aber keinesfalls durchgehend sympathisch.
    Eine Protagonistin mit Ecken und Kanten, also.

    Liebe Grüße,
    Nicci

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  4. Ein sehr interessanter Artikel, wie auch bereits die Diskussion auf Twitter. Tatsächlich wird der Begriff „stark“ sehr inflationär im Zusammenhang mit weiblichen Figuren genutzt. Ich glaube auch, dass es deswegen oft zu Missverständnissen kommt.

    Die These, dass „stark“ mit „gut“ assoziiert wird, ist spannend. Aber was meinen wir, wenn wir jemanden als starken Gegner betiteln? Einen fairen Kontrahenten? Müssen Antagonisten fies, skrupel- und gewissenlos sein? Und verstehen wir unter dem Attribut „stark“ bei einem männlichen Charakter etwas anderes als bei einem weiblichen?

    Ich stimme Sina zu, in vielen Fantasy-Romanen werden Frauen unglaublich passiv und aus meiner Sicht übertrieben naiv dargestellt. Hier sei als Beispiel Trudi Canavan mit ihrer Sonea genannt. Was habe ich mich über diese Protagonistin geärgert. Und dann möchte ich ein Beispiel für eine hervorragend ausgearbeitete Figur nennen: Ferro in Abercrombies Trilogie um Logan. (Kriegsklingen ff.) Es scheint schon fast Hohn, dass ausgerechnet viele weibliche Autoren ziemlich hohle weibliche Charaktere entwickeln. Bis heute verstehe ich nicht so ganz, warum ausgerechnet Fifty Shades of Grey so durch die Decke gegangen ist.

    Anmerkung zu Cersei, Sansa und Arya: Ob und wer von den dreien nun der am besten ausgearbeitete Char ist, darüber kann man sicher streiten. Auch dann, wenn man sich auf eine gemeinsame Definition von „stark“ geeinigt hat. Das geniale an dieser Reihe von G. R.R. Martin ist unter anderem, dass er überhaupt so viele weibliche Figuren geschaffen hat, die die Handlung wesentlich vorantreiben.

    • Ich fürchte ein Problem an den etwas hohl geschriebenen weiblichen Figuren ist auch immer wieder, dass Fantasy von Frauen und mit weiblicher Protagonistin immer wieder auch anders (z.B. als „Frauenliteratur“) vermarktet wird als das von Männern. Und dass gerade im High Fantasy u.U. die Latte für Frauenfiguren erschreckend tief hängen kann. Und Fifty Shades fällt da denke ich auch vorne und hinten aus der Reihe, weil es einmal eine Fanfiction basierend auf „Twilight“ war bzw. man es als Endprodukt wohl als von „Twilight“ inspiriert beschreiben könnte und „Twilight“ noch Teil einer anderen Generation Young Adult mit nochmal deutlich kritischeren Protagonistinnen als heute war, und zum anderen weil es als Erotik sowieso mehr Narrenfreiheit genossen hat. (Viele Fans sagen ja noch bis heute, dass die Kritik an der Reihe die Bücher selbst zu wörtlich nehmen würde.)
      Und bei Cersei, Sansa und Arya stimme ich dir vollkommen zu. Ich persönlich mag Sansa und Cersei lieber als Arya, aber das hängt mit meinen persönlichen Präferenzen zusammen und dass ich sie Eigenschaften und Plots haben, die ich interessanter und persönlich ansprechender als alles um Arya finde, aber das macht Arya sozusagen objektiv betrachtet nicht schlechter. Und tatsächlich halte ich die vielen, auch z.T. sehr unterschiedlichen weiblichen Figuren in Westeros für eine große Stärke. (Die Serie ruiniert’s halt irgendwann, aber bei den Büchern weiß ich das nicht, da kenne ich nur das erste. :))

  5. Mich stört es vor allem, dass Frauen/Mädchen in Fantasy Büchern oft einfach flacher und passiver geschrieben sind und damit natürlich (Für den Leser) uninteressant und (Für den Autor) langweilig zu schreiben sind.

    Um das (anscheinend) zu kompensieren gibt es auf der anderen Seite eine ganze Wagenladung mit Mary Sues, die die Geschichten auch nicht spannender machen. Aber leider „stark“ genannt und als positives Beispiel dargestellt werden.

    Deswegen bin ich gegen „starke“ aber für „ehrliche“ Figuren, mit eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Ganz unabhängig vom Geschlecht.

    • Same here 🙂 „Stark“ als ultimativ positives Label ist eben oft herzlich nichtssagend bzw. sind auch im Fantasy oft weibliche Figuren, die als superstark gelobt werden, weil sie kämpfen, dann am Ende gerne mal genauso schlecht geschrieben wie die langweiligste Jungfer in Nöten.

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