Rapefiction-Debatte: Es geht um alles, aber nicht um Sex

Rapefiction-Debatte: Es geht um alles, nur nicht um Sex

Dass feministische Kritik polarisieren kann, ist nichts Ungewöhnliches, aber kaum eine Diskussion hält sich selbst in der schnelllebigen Netzwelt so beständig wie die sogenannte „Rapefiction“-Debatte um Romane wie „Paper Princess“, „50 Shades of Grey“ und mehr. Also was hat es mit der Diskussion eigentlich auf sich?

Triggerwarnung / Hinweis zum Inhalt
CN: Gaslighting, sexueller Missbrauch

In diesem Artikel wird die Romantisierung von sexueller wie emotionaler Gewalt und Missbrauch in Literatur, besonders Young Adult, besprochen. Es werden keine expliziten Szenen beschrieben oder Buchstellen wörtlich zitiert, sexueller Missbrauch und Gaslighting in den besprochenen Art Romane sind allerding dennoch zentrale Themen.

Unter dem Begriff der „Rapefiction“ wird zuerst einmal allgemein Fiktion gefasst, die Sex oder eine Liebesgeschichte beinhaltet, in der mindestens ein Partner missbräuchliches Verhalten an den Tag legt und dabei zum romantischen Ideal stilisiert wird. Die Diskussion, auf die ich hier anspiele, hat sich dabei zwar anhand von Romanen entsponnen, aber im Grunde gilt die Kritik für jedes narrative Medium. Von „Gossip Girl“ bis „Paper Princess“ – Formen dieser Art Fiktion finden sich überall.

Der missbräuchliche „Bad Boy“ als romantisches Ideal

Ein klassischer Trope, der sich in diesem Kontext häufig finden lassen wird, dürfte da zum Beispiel der Figurentyp des „Bad Boys“ wie Chuck Bass in „Gossip Girl“ sein: Ein männlicher Love Interest, der nach dem Motto „raue Schale, weicher Kern“ eine Protagonistin schlecht behandelt, vielleicht sogar gewalttätig oder übergriffig ist, aber trotzdem als romantisches Ideal charakterisiert wird. So missbraucht er vielleicht immer und immer wieder ihr Vertrauen, aber alles wird narrativ vergeben oder verharmlost, weil seine Liebste ihn „retten“ oder „zähmen“ kann oder sein übergriffiges Verhalten damit begründet wird, dass „er sie ja nur unglaublich liebt“, obwohl von außen betrachtet vermutlich eine ganze Reihe von Alarmglocken bei dieser Missbräuchlichkeit schrillen sollten. Kurz: Eine Beziehung wird als Machtverhältnis definiert, in dem eine Partei – normalerweise ein Mann – der Stärkere ist und diese Macht schamlos ausnutzt, während der andere Teil dieser Beziehung kein Mitspracherecht und keine Chance hat und der Prozess des Kaputtgehens an einer Beziehung sogar noch als romantisches Ideal dargestellt wird.

Die Kritik an dieser Art Erzählmuster ist simpel: Sie transportiert Strukturen der Ungleichheit, verharmlost toxische Beziehungen, sexuelle Belästigungen, Vergewaltigungen und mehr. Außerdem trägt sie mit dieser Verharmlosung und Romantisierung zu einer gesellschaftlichen Verfestigung eventueller Stigmata zum Beispiel um sexuelle Belästigung und mehr bei. Und als wäre das noch nicht genug, werden Grenzüberschreitungen und sexuelle Gewalt zudem banalisiert und normalisiert. Die Zustimmung beider Partner ist irrelevant, stattdessen werden die Wünsche eines Partners innerhalb eines ungleichen Machtverhältnisses über die des anderen gestellt und diese Grenzüberschreitung wird noch als etwas dargestellt, das der schwächeren Partei eigentlich zu gefallen hat. Ganz zu schweigen davon, dass es ohnehin absurd ist, dass wir hier mit Bezug auf als „glücklich“ stilisierte Beziehungen in Literatur und Fiktion im Allgemeinen über Machtverhältnisse reden müssen.

Allein darin sollte eigentlich eine Paradoxie offensichtlich werden, womit sich auch das zentrale Problem der sogenannten „Rapefiction“ zeigt: Eine gesunde Beziehung – egal ob romantisch oder platonisch – ist nichts, das auf Macht beruht. Und eine Idealisierung solcher Machtverhältnisse steht bei heterosexuellen, romantischen Beziehungen meistens in einer langen historischen Tradition ganz im Sinne von Ideen wie der, dass Frauen das „schwache Geschlecht“ seien und sexuell potentiell immer zur Verfügung stehen, wenn ihr männlicher Partner das eben will. Und dass es inzwischen eine ganze Reihe Personen gibt, die den darin immanenten Sexismus kritisieren, sollte niemanden wundern.

Die Debatte ist nach wie vor nicht obsolet

Diese Romane polarisieren und allein die seit inzwischen einem Jahr immer wieder aufkommende Debatte um „Paper Princess“ oder der nicht von der Hand zu weisende Erfolg einzelner Vertreter dieses Genres beweist, dass ganz offensichtlich Redebedarf herrscht. Und die Masse an Missverständnissen, die sich jetzt aus den Gegenstimmen zur Rapefiction-Kritik gut herauslesen lassen, zeigt, dass in vielen Punkten alle Beteiligten nach wie vor aneinander vorbei reden. Es wäre allerdings auch ein Fehler, die Verteidiger von Romanen wie eben das berühmt-berüchtigte „Paper Princess“ nicht ernst zu nehmen und sich ihren Positionen nicht kritisch und reflektiert zu nähern. Auch wenn die Argumentation der Verteidiger meines Erachstens voller Probleme steckt.

Des Dramas erster Teil: Kunst ist nie „nur“ Kunst

Das erste Problem, das mir in der Debatte immer wieder auffällt, ist die Idee, Kunst – in diesem Fall ein Roman – könnte einfach nur Kunst sein. Oder etwas provokativ gefragt: Eine Geschichte ist in vielen Fällen ja frei erfunden, warum also ein Drama daraus machen? Es ist doch alles rein fiktiv.

Der Punkt, an dem dieses Argument nicht funktioniert, ist dieser: Kunst – egal, ob Roman, Videospiel, Film oder was auch immer – entsteht nie in einem luftleeren Raum. Sie ist immer an ihre Produzenten auf der einen und an ihre Konsumenten als Zielgruppe auf der anderen Seite geknüpft. Sie kann die Realität, in der sie entsteht, spiegeln, verdrehen oder verzerren, aber ihre Basis ist immer die Zeit und die Gesellschaft, in der sie entsteht, und davon ist sie auch nicht zu lösen. Selbst der bewusste Versuch eines Kunstschaffenden, keine Aussage zu treffen, trifft somit indirekt eine Aussage, weil dahinter eine künstlerische Entscheidung steht, zum Beispiel etwas nicht zu entsprechen, das in der Wahrnehmung des Künstlers oder der Zielgruppe nur einer Mode entspricht.

Das bedeutet: Selbst wenn man sich das unpolitischste Werk Fiktion vornimmt, das man sich vorstellen kann, spiegelt auch das im Kontext der Zeit und Gesellschaft oder Zielgruppe, für die es entstanden ist, genau diese Realität. Selbst ein Spiel wie „Stardew Valley“ oder sein geistiger Vorgänger „Harvest Moon“, das als Farmsimulation ganz sicher denkbar harmlos scheint, funktioniert in der transportierten Sehnsucht nach einer ländlichen Idylle vor allem deshalb, weil wir in einer modernen, technisierten Welt leben. Von diesem Mechanismus ist keine Form der Kunst oder Narration zu trennen.

Nichts entsteht ohne Kontext

Vor diesem Hintergrund ist es schlicht unmöglich, zu argumentieren, ein Roman sei ja „nur“ ein Roman, der keinerlei weitere Bedeutung hätte und gesellschaftlich keine Rolle spielen könne. Das gilt im Übrigen auch für jedes narrative Medium, schlicht weil es sich dabei um Kulturgüter handelt, mit denen wir untereinander sozial interagieren. Wir freunden uns mit Leuten an, die ähnliche Bücher mögen, bilden Fandoms oder streiten uns mit anderen über die Art, wie diese Bücher zu interpretieren sind. Alles Formen von sozialer Interaktion und Gruppenbildung. Schon allein deshalb sind auch diese Bücher – unabhängig von jedem Geschmack oder literarischer Wertung – gesellschaftlich zumindest im Rahmen einer bestimmten sozialen Gruppe relevant und werden es immer sein. Vielleicht nicht jedes Buch im Einzelnen, aber doch als künstlerische Strömung, die größere politische oder soziale Strukturen spiegelt.

Damit ist es selbstverständlich relevant, zu fragen, was für ein Geschlechter- oder Beziehungsbild in modernen Liebesromanen oder Rapefiction im Speziellen transportiert und warum ausgerechnet diese Art von Literatur nach wie vor noch gehypt wird. Selbst wenn ein Einzelner den Befund einer Verharmlosung von sexueller Gewalt in einem Roman als mehr oder weniger schwerwiegend oder für sich persönlich mal mehr oder weniger wichtig wertet, ist der Befund als solcher nicht von der Hand zu weisen. Es bleibt: Kunst lässt sich nicht klar definieren oder abgrenzen. Sie ist unabänderlich daran gebunden, dass und wie eine Personengruppe über sie spricht, und braucht somit auch die Debatte, um Kunst zu bleiben. Oder auch: Kunst ist nie einfach nur Kunst und dass einem Einzelnen etwas trotz oder wegen seiner Fehler Spaß macht, bedeutet nicht, dass die Kritik an Daseinsberechtigung einbüßt.

Es geht nicht ums Private, sondern ums Öffentliche

Damit streifen wir auch schon einen anderen Punkt, der viele Verteidigungsversuche obsolet macht, die im Besonderen im Kontext von „Paper Princess“ geäußert wurden, aber im Grunde für die Rapefiction-Debatte als Ganzes gelten. So hält sich auch nach Jahren das Argument, dass jede Person eben andere Vorlieben im Schlafzimmer haben kann und darf und die Kritik an Rapefiction eine Kritik an Erotikinhalten und damit eine nur auf Prüderie fußende Kritik wäre. Diesen Punkt halte ich für richtig und wichtig und selbstverständlich darf sich Kritik an diesen Inhalten nicht gegen sexuelle Befreiung richten, nur leider würde auch dieses Argument voraussetzen, dass es im Zuge der Kritik an Rapefiction tatsächlich um die sexuellen Vorlieben eines Einzelnen oder überhaupt um Sex ginge.

Ob ein bestimmter Leser als Individuum einen Sinn für BDSM hat, ist vollkommen egal, wenn wir über „50 Shades of Grey“ diskutieren. Die Kritik an diesen Romanen und den BDSM-Inhalten geht nicht gegen die Tatsache, dass in „50 Shades of Grey“ explizite Sexszenen vorkommen, sondern dagegen, dass eine missbräuchliche Beziehung romantisiert wird. Dagegen, dass es als normal dargestellt wird, dass das „Nein“ eines Partners nichts mehr wert ist und stattdessen ein „Du willst es doch auch“ höher gewertet wird. Die Tatsache, dass „50 Shades of Grey“ in vielerlei Hinsicht herausragt, aber kein Einzelfall ist. Und das alles, obwohl es sehr wohl anders ginge.

Der Mechanismus hinter Rapefiction ist überall

Doch es braucht nicht einmal das Extrembeispiel von „50 Shades of Grey“ oder „Paper Princess“, um zu illustrieren, warum Sex für die Kritik an Rapefiction vollkommen irrelevant ist. Es genügt schon, sich anzusehen, wie Beziehungen häufig in Unterhaltungsliteratur wie Young Adult oder New Adult erzählt werden, selbst wenn keine Sexszene vorkommt. Oder wie diese Erzählmuster eins zu eins in Fanfictions kopiert werden, weil sie offenbar längst als zu erstrebendes Ideal akzeptiert sind, das sich nicht nur auf literarischer, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene äußert.

Diese Mechanismen sind überall. In Sarah J. Maas‘ „Throne of Glass“ wird die Protagonistin Celaena nach einem Jahr Gefangenschaft ausgehungert und verdreckt dem Prinzen Dorian vorgeführt, der nicht nur ihr Leben in seinen Händen hält, sondern sie erst einmal sehr ausgiebig und unverhohlen lüstern mustert. Celaena ist dieser Blick unangenehm, aber schon im nächsten Moment wird dieses unangenehme Gefühl als nichtig beschrieben und stattdessen durch eine verquere Dankbarkeit ersetzt, dass sie ja überhaupt jemand begehrt. Ohne an dieser Stelle den Wunsch, begehrt zu werden, irgendjemandem absprechen zu wollen: Hier wird ein Machtverhältnis aufgebaut und Celaenas eigenes Unwohlsein als irrelevant abgestempelt, solange ein Mann sie attraktiv findet.

Natürlich ist diese Stelle in „Throne of Glass“ nicht mit der recht eindeutigen sexuellen Belästigung in anderen Romanen vergleichbar, aber der Mechanismus, ein Gefühl des Unwohlseins und die Abwertung der eigenen Zustimmung als „romantisch“ oder positiv zu stilisieren, ist hier ebenfalls da. Und das ohne, dass auch nur ein Mal Sex vorgekommen wäre, schlicht weil es bei der Kritik an dieser Art Szene nicht um Sex geht und nie ging. Es geht um die Romantisierung und Normalisierung von gefährlichen Machtverhältnissen. Davon, dass sich die Beteiligten eben nicht auf Augenhöhe begegnen und ein Partner – normalerweise eine junge Frau, aber das ist nicht exklusiv – als schwächerer Teil abgewertet wird. Und dass das innerhalb dieses Genres nicht nur akzeptiert, sondern auch okay ist.

Es geht um Gender – nicht um Erotikinhalte

Es geht also nicht um Erotik oder das Vorkommen von Sexszenen, sondern darum, wie Gender als Kategorie menschlichen Zusammenlebens in dieser Art Romane definiert wird, also welche Geschlechterbilder vermittelt werden. Denn egal, von welchem Beispiel wir gerade reden, in allen werden Männlichkeit und Weiblichkeit und die Interaktion auf Basis dessen in einer gefährlichen Einseitigkeit dargestellt. Das hängt auch mit jahrhundertealten gesellschaftlichen und damit automatisch auch narrativen Traditionen zusammen, die da im Hintergrund stehen, aber das bedeutet nicht, dass diese Konzepte deshalb nicht zu hinterfragen wären. In der Kunst ist nichts gottgegeben, sondern menschlich geformt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass auch Menschen sich in ihrem Schaffen genauso wie ihrem Konsum gegen bekannte Konzepte wenden können. – Und es im Kontext dieser Debatte meiner Ansicht nach auch müssen.

Denn der entscheidende Grund, weshalb diese Kritik immer und immer wieder laut wird, ist weder „50 Shades of Grey“ noch „Paper Princess“, sondern die Dominanz der darin transportierten Erzählmuster und der von Verlagen oft exzessiv gepushte Hype darum. Weder das eine noch das andere ist ein Einzelfall, denn als Einzelfall wären sie beide vollkommen irrelevant und vielleicht eine merkwürdige Randerscheinung, über die sich kaum jemand aufregen würde. Nur sind sie das nicht. Sie sind zwar besonders auffällige und polarisierende Beispiele, aber in ihrem Problem schlicht Gang und Gäbe. Damit geht es ebenfalls nicht um eine Art Zensur- oder Jugendschutzforderung, sondern um eine Kritik an der Dominanz einseitiger und in ihrer Einseitigkeit und Verharmlosung schädlicher Vorstellungen von Gender. Es geht also nicht nur um ein künstlerisches Problem, sondern um ein Gesellschaftskritisches. Nicht mehr und nicht weniger.

Eine Meinung oder ein Gefühl ist kein Argument

Damit sollten drei Dinge klar sein: Erstens, ist die Kritik an sogenannter „Rapefiction“ eine Kunst- und Gesellschaftskritik, die auf bestimmten Definitionen von Gender fußt und nichts mit Erotik oder sexuellen Inhalten per se zu tun hat. Zweitens, ist die Grundlage für diese Kritik der Umstand, dass Fiktion nie nur Fiktion, sondern immer eng an die Gesellschaft und Zeit gekoppelt ist, in der sie entsteht. Und drittens, geht es auf keiner Ebene der Debatte um den Einzelfall, den privaten Literaturgeschmack oder die privaten sexuellen Vorlieben, sondern um die Frage nach einem gesamtgesellschaftlichen Zustand beim Thema Gender und der Wertung desselben als soziale Gruppe, in diesem speziellen Fall als Buchcommunity.

Das persönliche Gefühl, man „dürfe plötzlich etwas nicht mehr lesen“ als Gegenargument ist also keine Auseinandersetzung mit der Kritik, sondern eine Abwehrhaltung. Das ist als emotionale Reaktion vielleicht irgendwo verständlich, aber schlicht kein Argument. Selbstverständlich darf jeder lesen, was er oder sie will. Und es schreibt auch niemand vor, was einem Einzelnen zu gefallen hat, denn das wären Fragen des persönlichen Buchgeschmacks, der allerdings für eine gesellschaftskritische Diskussion nichts zur Sache tut. Und auch wenn es durchaus Argumente gäbe, die man der Kritik an Rapefiction entgegen setzen könnte: Solange mit Geschmack und persönlichen Vorlieben argumentiert wird, ist nichts davon relevant. Denn eine Meinung ist eine Meinung und kein Argument.

Artikelbild via Flickr (Public Domain)

17 Kommentare

  1. Pingback: Fremdgeträumt #3 | All meine Träume

  2. Christoph Kayser

    „Eine Beziehung wird als Machtverhältnis definiert, in dem eine Partei – normalerweise ein Mann – der Stärkere ist und diese Macht schamlos ausnutzt“ —> Laut Grammatik muss es heißen: „…in dem eine Partei – […] – DIE Stärkere ist…“

    Political correctness ist an dieser Stelle nicht nötig, weil „Grammatik“ immer feminin bleibt und Sprachvergewaltigung kein Aufrege-Thema in unserer hochzivilisierten Gesellschaft darstellt.

    • umblaettern

      Ach scheiße, mir fällt kein Argument ein – mal sehen, ob ich die Grammatik kritisieren kann 🙄

    • Eliza Krumm

      DAS Machtverhältnis, Herr Gramnar-Nazi 😇. Somit ist „in dem“ korrekt, weil es für „in dem Machtverhältnis“ steht.

    • Tatsächlich war „der Stärkere“ als Anspielung/bewusste sprachliche Beugung darauf gemeint, dass in diesen Konstellationen, um die es mir in diesem Artikel geht, eigentlich immer die stärkere Person ein Mann ist. Grammatikalisch wäre das sicher auch neutraler mit der weiblichen Form und Bezug auf „Partei“ gegangen, auch weil diese Machtkonstellation theoretisch nicht exklusiv zu Gunsten eines Mannes in dieser Art Fiktion vorkommen muss, das ist richtig. Allerdings bezieht sich die Debatte eben zu weiten Teilen vor allem auf Machtverhältnisse in heterosexuellen Beziehungen, in denen ein Mann durch Gewalt in der einen oder andern Form die Oberhand hat, daher dieser Bezug.

  3. Finde das Thema auch sehr schön aufgegriffen und zusammengefasst.
    Ich finde es schade, dass es, nicht nur bei diesem Thema, sondern generell, inzwischen oft dazu kommt, dass sich sofort zwei Fronten bilden, man liebt das Buch/Werk, oder man hasst es. Die Seite, bei der man eine Reihe mag, aber dennoch erkennt und ansprechen kann, wie problematisch einige Elemente dieser Reihe sind, wird da oft von diesen zwei Fronten verdrängt. Ich mag Game of Thrones auch sehr, die Serie steht in meinem Regal, dennoch finde ich es absolut nicht in Ordnung, wieso man dort sexuelle Gewalt einbringen musste, die in den Büchern nicht derart vorkam. Das ändert nichts an der Wertschätzung für das Werk. Und das wird so oft einfach missverstanden, sobald man Kritik über einen gewissen Aspekt eines Werkes äußert. Als könnte man etwas nicht kritisieren, wenn man es liebt. Was man jetzt in einem weiten Bogen auch wieder zu diesen problematischen Beziehungen passt, in denen Liebe bedeutet, die schlechten Seiten des Partners zu romantisieren anstatt konstruktiv damit umzugehen.

    Mich stört es aber tatsächlich wesentlich weniger, wenn Shades of Grey solche Beziehungsmuster darstllt, zumal es hauptsächlich wegen der erotischen Komponente vermarktet wurde, als wenn dies in Jugendromanen geschieht. In „Der Märchenerzähler“ beispielsweise basiert die Geschichte auch auf einer solch ungesunden Beziehung, in einem Maße, das ich nochmal wesentlich schlimmer fand, das Buch wird jedoch explizit für Jugendliche vermarktet. Und wenn man in einem Alter, in dem man noch nicht so viel Erfahrung mit Beziehungen und deren Ausprägungen hat, dann regelmäßig in Büchern mit solchen Beziehungsmustern in Berührung kommt, die hoffnungslos romantisiert werden, dann besteht doch die Gefahr einen Kreislauf zu erschaffen, in dem gesellschaftliche Muster sich in Romanen abbilden und dadurch gesellschaftliche Muster stärken, so dass diese Jugendlichen selbst später genau diese Muster in eigenen kreativen Werken nutzen werden. Und dann hat man irgendwann eine Henne-Ei-Problematik erreicht bei der man nicht mehr sagen kann, ob diese Beziehungen idealisiert werden, weil das gesellschaftlich akzeptiert ist, oder ob es gesellschaftlich akzeptiert wird, weil es in Romanen immer wieder so dargestellt wird.

    • Erstmal danke für deinen Kommentar und das Kompliment 🙂
      Ich vermute inzwischen auch, dass der Grund, dass die Diskussion ausgerechnet anhand von „Paper Princess“ im deutschen Raum so heiß gelaufen ist, liegt auch daran, dass „Paper Princess“ – anders als z.B. „50 Shades of Grey“ – zwar als Erwachsenenliteratur und Erotik verkauft wird, aber von Piper so exzessiv an sehr junge Leser vermarktet wurde, dass einem schwindelig werden konnte. Gerade „50 Shades of Grey“ hatte ursprünglich eine ältere Zielgruppe bzw. waren auch Erwachsene eindeutig Teil der Zielgruppe, während PP fast wie ein ganz normales Jugendbuch verkauft wurde. Und ohne dass ich denken würde, Jugendliche sollten keine Erotik lesen: Die Dominanz und Einseitigkeit ist eben das, was zu der Henne-Ei-Problematik führt, die du auch ansprichst.

  4. 50 Shades of Grey war ja vor seiner Veröffentlichung nichts anderes als Twilight Fanfiction. Im veröffentlichten Roman wurden nur die Namen abgeändert. Ich danke dir für diesen tollen Artikel. Ich selbst gehöre ebenfalls zu denen, die versuchen sachlich zu diskutieren und dabei oft auf starke emotionale Reaktionen treffen. Ich lese deswegen fast gar kein YA, weil mich diese Romantisierung und Idealierung von Missbrauchsbeziehungen einfach nur noch ärgern. Ich werde deinen Artikel gern teilen, weil er einfach den Nagel auf den Kopf trifft.

    Und jeder, der auch nur ansatzweise Bdsm verstanden hat weiß, dass Augenhöhe das A und O sind, damit es funktioniert. Der als Bdsm verkaufte Blödsinn von 50 Shades of Grey hat mit wahrem Bdsm soviel gemeinsam wie eine tote Krähe mit Fußball spielen.

  5. Warum ist es okay zu sagen so eine liebe sollte man nicht beschreiben aber gleichzeitig schreibst du man darf keinem vorwerfen auf so einen Sex zu stehen.

    Ich finde man darf auch keinem vorwerfen auf so eine liebe zu stehen.

    Auch finde ich nicht das es schwache Frauen sind nur weil sie einen Menschen den Sie lieben vom falschen Weg abbringen wollen. Eigentlich sind es sogar die stärkeren Frauen, es ist doch viel einfacher zu sagen das ist ein arsch lass ihn in Ruhe als zu sagen ja er ist ein arsch aber ich mache mir die Mühe und versuche ihm zu helfen ein besserer Mensch zu werden.

    Ich würde ja noch verstehen wenn man sagt okay, wenn ein Mann so eine Frauen Rolle schreibt sollte man genauer schauen was dahinter stecken kann. Aber auch da nur im Werk. Den es interessiert niemanden was der erschaffer sagen wollte, wichtig ist was das Werk vermittelt.

    Und ja ich merke selber wie schwierig das ist deswegenwäre ich sogar eigentlich für den noch härteren schritt, wir kritisieren solche Werke nicht. Sondern ignorieren es wenn es uns nicht passt und werben für Werke wo es nach unserem Geschmack besser gemacht wird.

    Wenn man damit keine Reichweite erzielt na dann muss man wohl verstehen das man selber eine Nischen Meinung hat.

    Durch zwang wird nichts besser man muss einfach alle Optionen geben und am Ende wird sich das beste durch setzen. Auch wenn uns vielleicht das beste gerade nicht passt müssen wir da durch.

    • Erstmal Danke für deinen Kommentar 🙂
      „Ich finde man darf auch keinem vorwerfen auf so eine liebe zu stehen.“ – Huch? Ich wüsste nicht, dass ich das irgendjemandem vorgeworfen hätte, wie er oder sie ihr Lieben führt. Ich würde mir auch im realen Leben jenseits jeder Fiktion nie anmaßen, jemandem in eine Beziehung reinzureden solange diese Beziehung diese Person nicht kaputt macht.

      Das Argument mit der Reichweite finde ich schwierig, denn es kann immer auch absoluter Bullshit Mainstream werden. Und es kommt eben nicht auf literarische Werte – sei es Vorstellungen von Kunst oder ein Unterhaltungswert – an, sondern auf gesellschaftskritische Betrachtungen auf einer Metaebene. Und wenn man die Metaebene von Gender betrachtet, dann fehlt eben auf dem aktuellen Buchmarkt in gewissen Bereichen einiges an Vielfalt. Deshalb muss man auch bei Werken, die Elemente haben, die einem nicht gefallen, ab und zu den Finger drauf legen, schon allein, um illustrieren zu können, warum man diesen oder jenen Trope nicht gut findet, zumal wie gesagt die positiven Beispiele oft rar sind.

    • Steffi von fieberherz.de

      „Auch finde ich nicht das es schwache Frauen sind nur weil sie einen Menschen den Sie lieben vom falschen Weg abbringen wollen. Eigentlich sind es sogar die stärkeren Frauen, es ist doch viel einfacher zu sagen das ist ein arsch lass ihn in Ruhe als zu sagen ja er ist ein arsch aber ich mache mir die Mühe und versuche ihm zu helfen ein besserer Mensch zu werden.“
      Das Denken, dass der Wunsch jemanden „zu bessern“ aka jemandem „zu helfen“ eine „Stärke“ zeige, erscheint mir zu einfach für eine komplexe Beziehung. Aus eigener Erfahrung heraus kann ich sagen, dass dies unter Umständen ein Gedankengang ist, der nur einen Bruchteil einer Beziehung (zum Beispiel zu einem „Bad Boy“) aus machen kann (und falscher Trost ist, der die Realität verdecken/zu verzerrter Selbstwahrnehmung führen kann). Und am Ende steht schlimmstenfalls Gaslighting, Selbstaufgabe, Co-Abhängigkeit und und und. Aus der gleichen Erfahrung heraus kann ich ebenfalls berichten, dass es mich mehr Stärke gekostet hat, Nein zu sagen, als mich meinem Ex-Partner zuzuwenden – nur um nochmal den Standpunkt zu verdeutlichen, dass Beziehungen oftmals zu komplex für punktuelle Feststellungen wie „Menschen, die einem ’schlechtem‘ Partner helfen wollen, sind stärker als die anderen mit Beziehungen, die auf gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Zuneigung fußen“.

      „Und ja ich merke selber wie schwierig das ist deswegenwäre ich sogar eigentlich für den noch härteren schritt, wir kritisieren solche Werke nicht. Sondern ignorieren es wenn es uns nicht passt und werben für Werke wo es nach unserem Geschmack besser gemacht wird.“
      Was du hier vorschlägst, würde Meinungsfreiheit untergraben. Willst du das für dich auch? Nicht äußern „sollen“/dürfen, wenn du etwas kritisch siehst, wenn dich sogar etwas stört? Ich vermute mal, dass dem nicht so ist. Wer möchte schon nichts sagen dürfen? Also wünsche dir das bitte, bitte nicht von anderen, sondern lebe mit der Freiheit anderer ebenso, wie sie mit deiner leben. Denn diese Freiheit gestattet dir hier auch, Kritik an diesem Blogpost zu äußern und das ist in meinen Augen generell völlig legitim (selbst wenn ich bislang nicht mit dir übereinstimmen kann, aber das ist ja gerade schön an Diskussionen – muss es ja auch nicht, wäre auch langweilig, wenn alle immer einer Meinung wären 🙂 ).

      „Durch zwang wird nichts besser…“
      Niemand sprach von Zwang im Zuge dieses Blogposts? Ansonsten würde ich mich über einen Verweis an die entsprechende Stelle freuen, denn auch das konnte ich nicht finden :/ Grundsätzlich ist interessant, dass du Zwang ablehnst (mal allgemein gesprochen), es aber gerne hättest, dass kritische Stimmen sich nicht äußern sollen. Das erscheint mir nicht ganz konsequent 😉

      „Auch wenn uns vielleicht das beste gerade nicht passt müssen wir da durch.“
      Literarische Themen sind meiner Ansicht nach nicht kategorisierbar in „gut“ und „schlecht“. In diesem Kontext eher in „mehr“ oder „weniger verbreitet“ je nach Zeitalter, Genre etc. pp. Im Übrigen stimme ich jetzt in einem Punkt mit dir überein, eben „dass man da durch muss“. Das gilt auch für gegensätzliche Meinungen anderer. Und dann ist da noch vor allem eines: „Dass man da durch muss“ bedeutet niemals, dass man dazu zu schweigen hat und das macht mich sehr, sehr froh.

  6. Vielen Dank für deinen tollen Beitrag <3

    Ich denke, man kann Geschmack und Gesellschaftskritik auch sehr gut trennen und verschiedene Punkte differenziert betrachten. Ich bin zum Beispiel ein großer Harry-Potter-Fan, finde aber trotzdem – in der Reflexion – den Umgang mit Diversität in den Romanen sehr dürftig. Ich schaue auch sehr gerne Game of Thrones, die Debatte um die Darstellung sexueller Gewalt in diesem Kontext ist aber nichtsdestrotrotz wichtig.

    Ich denke, genau da liegt die Herausforderung solcher Debatten: auf sachlicher Ebene zu diskutieren, statt sich emotional zu sehr zu involvieren.

    • Danke für den Kommentar und das Kompliment! Dem kann ich mich nur anschließen und mir fallen spontan auch eine ganze Reihe Beispiele ein, bei denen es mir ähnlich geht wie dir mit Harry Potter oder GoT. Ich liebe z.B. die Herr der Ringe-Filme, sehe aber den Umgang mit den Frauenfiguren durchaus kritisch, oder spiele gerade mit viel Spaß Final Fantasy XV bin aber auch schon über eine Reihe Dinge gestolpert, die ich für problematisch halte. Das sind nur eben zwei unterschiedliche Ebenen. Die können Berührungspunkte haben, müssen es aber nicht.

  7. Ich möchte so viele Zeilen deines Artikels zitieren und den Diskussionen der letzten Wochen um die Ohren werfen, du hast gar keine Vorstellung.

    Mit viel Fingerspitzengefühl greifst du hier ein hypersensibles und emotional aufgeladenes Thema auf und bringst genau auf den Punkt, was mir (in deutlich schwammigerer Form) schon seit langer Zeit bei all diesen Themen durch den Kopf geht.

    Im Großen und Ganzen bewegen sich beide beteiligten Parteien nämlich (fast) ausschließlich auf sehr emotionalen Ebenen. Da werden Bücher verteufelt, was keinen Sinn macht, und als Antwort „Lesen und Lesen lassen“ geschrien, was genauso wenig zur Problemlösung oder Schlichtung beiträgt.

    Das Problem liegt, wie du schon sagst, tiefer und hat nichts, rein gar nichts, mit persönlichen Geschmäckern zu tun. Oder eigenen Meinungen. Es geht um ein gesamtgesellschaftliches Problem, weshalb ich nach wie vor enttäuscht bin, dass die Verlage, die solch problematische Literatur sondergleichen vermarkten und schönreden und als einzige an der „Quelle“ sitzen und etwas ändern könnten, zu all dem schweigen und nur über die hübschen Verkaufszahlen grinsen. Anstatt sich nämlich mit der Kritik auseinanderzusetzen freuen sie sich über die gratis Werbung die durch diese aufgeheizten Diskussionen entsteht. Und das ist ein Armutszeugnis.

    Ich denke, ich werde in Zukunft noch häufig auf deinen Artikel verweisen. Vielen, vielen Dank dafür! <3

    • Danke für das Kompliment und den Kommentar, du ahnst nicht, wie sehr es mich gerade freut, dass es mir offenbar gelungen ist, das Thema aus der Emotionalität raus zu holen. Die hat mich nämlich zuletzt auch genervt, eben weil sie nichts zur Sache tut und zu Vorwürfen einlädt, wo keine angebracht sind. Und wenn der Artikel als Referenzlink dienen kann, damit sich andere nicht immer und immer wieder den Mund über dieselben Dinge fusselig reden müssen: Umso besser 😀 <3

  8. Hi Aurelia,
    deine Argumente kann ich voll und ganz unterschreiben! Ich habe die Paper Prince-Reihe nicht gelesen, aber was mir bei der Verteidigung dieser Bücher sowie auch bei vielen anderen Beispielen immer wieder auffällt ist: Die vergewaltigenden männlichen Figuren werden immer mit ihrer fiktiven Hintergrundgeschichte entschuldigt. „Er hatte doch so ein schlimmes Schicksal“ (Christian Grey z.B.), „Er ist halt depressiv, aber das Mädchen kann ihn ja heilen und dann ist wieder alles gut.“ Das schlägt erstens wieder in die Kerbe von der verharmlosten Gewalt am Opfer.
    Zweitens, was mich aber noch viel mehr aufregt: Hier wird über ein fiktives Werk gesprochen, als sei es Realität. Als sei der Protagonist der arme Kerl von nebenan. Damit wird aber völlig übersehen, was du auch schreibst: Der Roman, in dem die rape fiction vorkommt, steht in einem kulturellen und gesellschaftlichen Kontext. Er zeigt, wie junge, moderne AutorInnen die Geschlechterverhältnisse sehen und zeigt, dass es möglich, so eine Darstellung unter den jungen Leserinnen zu hypen. Es ist eben keine private Sache. Junge Mädchen lesen Paper Prince (oder was auch immer) und glauben, so sieht Sexualität aus, man muss dem Typen zu Willen sein, und das braucht er eben in dem Moment.
    Ich hab Twilight mit 17, 18 gelesen und fand es völlig ok, wie besitzergreifend Edward ist (und das ist ja noch ein harmloses Beispiel). Erst heute denke ich mir, mein Gott, wie blöd. Wenn dich niemand warnt, fällt dir das nicht auf.
    Vielen Dank für den klug geschriebenen Artikel!
    Sabine

    • Erstmal danke für den Kommentar und das Kompliment! Kann dem auch nur zustimmen, mit deinem Twilight-Beispiel kann ich mich auch besser identifizieren als mir lieb ist. Zumal mir auch jenseits von Teenagerinnen immer ein wenig frage, was für merkwürdige Ansprüche an Jungs das gleichzeitig obendrauf noch mit vermittelt werden. Gerade weil diese Erzählmuster eben in den meisten Fällen auf die eine oder andere Weise vorkommen und nicht nur ein mögliches Beispiel in einer großen Auswähl sind, aus der man je nach persönlichem Lesegeschmack eben wählt.

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